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Wirtschaft School of Sao Paulo Getulio Vargas Foundation
Center strukturalistischen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung

ZEHN THESEN ZUM NEUEN DESARROLLISMO

Am 24. und 25. Mai 2010 traf sich eine Gruppe in der keynesianischen und strukturalistischen Tradition stehender Ökonom(inn)en in São Paolo, um zehn Thesen über den Neuen Desarrollismo (Entwicklungsorientierten Ansatz) zu diskutieren – eine Bezeichnung, die einige von ihnen schon seit Jahren benutzt hatten um eine nationale Entwicklungsstrategie zu beschreiben, die Staaten mittleren Einkommens  anwenden oder anwenden sollten, um ihre Entwicklung voranzutreiben und das Einkommensniveau der reichsten Länder zu erreichen.

Das Treffen fand im Rahmen des von der Ford Foundation finanzierten Projekts „Wachstum mit finanzieller Stabilität  und der Neue Desarrollismo“ statt. Der Hintergrund dieses Projekts ist  das Versagen des Washington Konsensus die Wirtschaftsentwicklung in Lateinamerika zu fördern, und die große Finanzkrise 2008, die der Welt die Grenzen und Gefahren der Globalisierung und Finanzderegulierung zeigte. 

Das Treffen fand im Sog einer der größten Finanzkrisen der Geschichte statt, die die Auswirkungen der Öffnung der Finanzmärkte auf die Wechselkurse und die Preise handelbarer Güter klar demonstrierte. Die G20 und einige andere Staaten versuchen nun die notwendige Regulierung der Finanzmärkte zu entwerfen. Vor diesem Hintergrund und dem Hintergrund wiederkehrender Krisen in den Entwicklungsländern mittleren Einkommens war es das generelle Ziel des Treffens zu beurteilen, wie effektiv eine auf dem Neuen  Desarrollismo basierende Strategie im Hinblick auf die Förderung von Wachstum mit Stabilität sein kann. Das spezifischere Ziel war es die zehn Thesen zum  Neuen Desarrollismo zu diskutieren, die den Teilnehmer(inne)n vor dem Treffen in São Paolo vorgelegt worden waren.

Nach zwei Tagen intensiver und fruchtbarer Diskussion übernahmen die lokalen Organisator(inn)en des Treffens die Aufgabe den Text der Thesen so zu formulieren, dass darin das Ergebnis der Diskussionen widergespiegelt wird. Die Endfassung wurde von den ursprünglichen Teilnehmer(inne)n des Workshops approbiert. Andere Ökonom(inn)en und Sozialwissenschafter(innen), die sich in den Bereichen Wachstum mit Stabilität und soziale Gleichheit  engagieren, sind nun eingeladen, die zehn Thesen zu unterstützen.

  1. Wirtschaftliche Entwicklung ist ein struktureller Prozess, der alle im Inland verfügbaren  Ressourcen nutzt, um die größtmögliche umweltverträgliche Rate der Kapitalakkumulation in Verbindung mit dem technischen Fortschritt zu erzielen. Das Hauptziel ist die Schaffung von Vollbeschäftigung der vorhandenen Arbeitskräfte. Die ist nicht nur mit steigender Produktivität in jedem Wirtschaftszweig verknüpft, sondern auch mit dem ständigen Transfer von Arbeiter(inne)n zu Wirtschaftszweigen, die Güter und Dienstleistungen mit größerer Wertschöpfung  produzieren und höhere Löhne und Gehälter zahlen.

  2. Der Markt ist vorrangiger Ort dieses Prozesses, aber dem Staat kommt die strategische Rolle zu, den geeigneten institutionellen Rahmen sicher zu stellen, der diesen strukturellen Prozess stützt. Dies schließt die Förderung von Strukturen und Institutionen des Finanzsektors  ein, die die inländischen Ressourcen auf die Entwicklung von Innovationen in Sektoren  mit hohen Wachstumsraten der inländischen Wertschöpfung kanalisieren können. Dieser Rahmen muss auch Maßnahmen umfassen, die es ermöglichen strukturelle Ungleichgewichte zu beseitigen, und die die internationale Wettbewerbsfähigkeit fördern.

  3. Im Kontext der Globalisierung erfordert die wirtschaftliche Entwicklung eine nationale Entwicklungsstrategie, die globale Chancen nützt,  d.h. steigende Skalenerträge auf globaler Ebene und vielfache Quellen Technologien zu erlernen, sowie die durch exzessiv starke Regime intellektuellen Eigentums geschaffene Innovationsbarrieren abbaut, Finanzstabilität sichert und Investitionschancen für private Unternehmer schafft.

    4. Obwohl eine strategische Industriepolitik und Schumpeters Vision  des Entwicklungsprozesses fundamental sind, befinden sich  die wichtigen Flaschenhälse des Wachstums auf Seite der Nachfrage. Seit Keynes wird anerkannt, dass das Angebot nicht in der Lage ist, automatisch seine eigene Nachfrage zu schaffen. Aber in Entwicklungsländern gibt es zwei zusätzliche strukturbedingte Tendenzen, die Nachfrage und Investition begrenzen: die Tendenz der Löhne mit Raten unter denen der Produktivitätssteigerung zu wachsen und die Tendenz zu einem überbewerteten realen und/oder nominellen Wechselkurs.

    5. Die Tendenz der Löhne langsamer als die Produktivität zu wachsen geht auf das reichliche Arbeitsangebot und die politische Ökonomie der Arbeitsmärkte zurück. Abgesehen von der Einschränkung der Inlandsnachfrage und dem Verstärken der Einkommenskonzentration kann diese Tendenz außerdem das Produktivitätswachstum langfristig negativ beeinflussen. Ein gesetzlich bestimmter Mindestlohn, Einkommenstransferprogramme zugunsten der Armen, sowie insbesondere eine Garantie der Regierung, dass die Löhne einen annehmbaren Lebensstandard ermöglichen, können diese Tendenz der Unterbewertung der Arbeit neutralisieren. Die Alternative – eine chronische Überbewertung der Inlandswährung, die die Kaufkraft erhöht – ist keine tragfähige Strategie.

    6. Die Tendenz zur zyklischen Überbewertung des Wechselkurses  in Entwicklungsländern geht ebenso auf die Abhängigkeit von externen Ersparnissen in der Form von Kapitalflüssen wie auf das Dutch Disease Problem im Kontext eines exzessiv offenen Kapitalmarkts ohne adäquate Regulierung zurück. Dies impliziert, dass der Wechselkurs in Entwicklungsländern nicht nur volatil ist, sondern auch zu immer wiederkehrenden Währungskrisen und Spekulationsblasen auf den Kapitalmärkten beiträgt. Ebenso impliziert dies, dass es chronisch zu wenige Chancen für exportorientierte Investitionen gibt, somit macht die Überbewertung des Wechselkurses selbst die effizientesten Inlandsunternehmen international wettbewerbsunfähig.

    7. Das Dutch Desease Problem lässt sich als eine permanente Überbewertung der Inlandswährung  aufgrund ricardianischer Renten der Exporte von Rohstoffen und natürlichen Ressourcen oder exzessiv billiger Arbeit charakterisieren.  Dutch Disease behindert das Gedeihen anderer, handelbare Produkte produzierender Industrien, da  es eine Abweichung zwischen  dem „Leistungsbilanzgleichgewichtswechselkurs“ (der das Leistungsbilanzsaldo ausgleicht) und dem „Wechselkurs des industriellen Gleichgewichts“, der den handelbare Güter produzierenden Sektoren erlaubt, mittels state of the art Technologien im globalen Markt konkurrenzfähig zu werden.

    8. Die wirtschaftliche Entwicklung muss in erster Linie durch inländische Ersparnisse finanziert werden. Um dieses Ziel zu erreichen ist die Schaffung öffentlicher Finanzinstitutionen notwendig, die die volle Nutzung inländischer Ressourcen – insbesondere der Arbeitskräfte – garantieren, sowie Finanzinnovation und Investitionsförderung.  Der Versuch, ausländische Ersparnisse über Leistungsbilanzdefizite zu  nutzen, erhöht die Investitionsrate im Allgemeinen nicht (wie dies von der Orthodoxie behauptet wird), sondern  erhöht stattdessen die Verschuldung im Inland und verstärkt die finanzielle Instabilität. Wachstumsstrategien, die auf externen Ersparnissen basieren, verursachen finanzielle Fragilität; sie wecken bei Regierungen das Bestreben ihre Reputation aufzubauen - in der Position von Geiseln der Finanzmärkte - und enden im allgemeinen in Wechselkurs- und Zahlungsbilanzkrisen.

    9. Um ein geeignetes Rahmenwerk für die wirtschaftliche Entwicklung zu garantieren, muss die Regierung ein langfristig stabiles Verhältnis zwischen der öffentlichen Verschuldung und dem BIP sichern  und einen realen Wechselkurs, der die nachteiligen Auswirkungen der Dutch Disease auf den inländischen Industriesektor berücksichtigt und zu neutralisieren versucht.

    10. Um langfristige Entwicklung zu erreichen, muss die Wirtschaftspolitik die Vollbeschäftigung als ihr Hauptziel verfolgen und gleichzeitig Stabilität der Preise und der Finanzen garantieren.


Diese zehn Vorschläge sollen nicht ein umfassendes Rezept für Entwicklung sein. Vielmehr wollen sie eine Zusammenstellung von Vorschlägen sein, die von einer großen Anzahl von Ökonom(inn)en unterschrieben werden können. Diese Vorschläge müssen im Hinblick auf inländische, produktive, soziale und politische Gegebenheiten angepasst werden. Nichts wurde über den aktuellen Kontext der Globalisierung der Finanzen und der Architektur des Welthandels gesagt,  die Themen sind, die klarerweise beachtet werden müssen, vor allem in einer globalisierten, durch intensiven, feindlichen Konkurrenzkampf geprägten Umgebung.

Die Ökonom(inn)en, die dieses Dokument unterzeichnen,  bringen damit nicht zum Ausdruck, dass sie diesen zehn Thesen in jedem Detail zustimmen. Sie unterstützen nur  den zugrunde liegenden theoretischen Ansatz und die grundlegenden, wirtschaftspolitischen  Vorschläge.

São Paolo, 29. Juli 2010.

Erstunterzeichner(innen)

Agosin, Manoel
Amsden, Alice
Arestis, Phillip
Baer, Werner
Belluzzo, Luiz Gonzaga
Bhaduri, Amit
Bielschowsky, Ricardo
Blecker, Robert
Block, Fred
Boyer, Robert
Bresser-Pereira, Luiz Carlos
Bruno, Miguel
Bruszt, Laszlo
Burlamaqui, Leonardo
Carneiro, Ricardo
Carvalho, Fernando Cardim de
Chandrasekhar, C. P. (Chandru)
Chang, Ha-Joon
Chavagneux, Christian
Chick, Victoria
Chilcote, Ronald

Coutinho, Luciano
Damill, Mario
Davidson, Paul
Del Pont, Mercedes
Dymski, Gary
Dulien, Sebastian
Dutt, Amitava
Diniz, Eli
Epstein, Gerald
Faucher, Philippe
Ferrari, Fernando
Ferrer, Aldo
Frenkel, Roberto
Gala, Paulo
Galbraith, James
Gallagher, Kevin
Garcia, Norberto E.
Ghosh, Jayati
Girón, Alicia
Guillén, Arturo
Guttmann, Robert

Huber, Evelyne
Jomo K.S.
Kregel, Jan
Kupfer, David
Lazonick, William
Le Heron, Edwin
Lopez, Julio
Marconi, Nelson
Mazier, Jacques
Nakano, Yoshiaki
Nayyar, Deepak
O’Connell, Arturo
Ocampo, José Antonio
Oreiro, José Luis
Palley, Thomas I.
Palma, Gabriel
Papadimitriou, Dimitri
Paula, Luiz Fernando de
Petit, Pascal
Popov, Vladimir
Prates, Daniela

Przeworski, Adam
Punzo, Lionello
Rapetti, Martin
Reinert, Erik S.
Ros, Jaime
Rueschemeyer, Dietrich
Salama, Pierre
Sachs, Ignacy
Saywer, Malcolm
Schneider, Ben Ross
Serrano, Franklin
Sicsú, João
Stephens, John
Sunkel, Osvaldo
Taylor, Lance
Vernengo, Matias
Wade, Robert
Weisbrot, Mark
Weiss, Linda
Wray, Randall



 
   
 
 
The New Developmentalism Project - Structuralist Development Macroeconomics Center - São Paulo School of Economics of Getulio Vargas Foundation

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